Einleitung

Sozinianer und ihre Briefwechsel. Eine Bestandsaufnahme

Der Sozinianismus stellt eine aus dem protestantischen Christentum hervorgegangene theologische Erscheinung dar, für die das Festhalten an der unitarischen Christologie, der historisch-ethisch gefassten Erlösungskonzeption und der an der Erbsündenlehre vorbei entwickelten Anthropologie charakteristisch ist. Die Glaubensgemeinschaft war transnational zusammengesetzt, die Zahl ihrer Vertreter nie sonderlich groß. Bis zu ihrer Ausweisung im Jahr 1658 in Polen-Litauen beheimatet, machten Sozinianer zu Beginn des 17. Jahrhunderts nur ca. ein Prozent der polnisch-litauischen Bevölkerung aus. Ungeachtet ihrer geringen Zahl und der Tatsache, dass sie lediglich von 1602 bis 1638 im Besitz eines akademischen Gymnasiums und einer eigenen Druckerei im kleinpolnischen Raków waren, vermochten sie es, eine beachtliche ideengeschichtliche Wirkung zu entfalten.

Sozinianer gingen von geschichtlicher Wandelbarkeit der religiös-sittlichen Normen im Sinne eines Perfektibilitätsprozesses aus, wobei sie, im Unterschied zu den etablierten Konfessionen, in Jesus Christus einen historisch einzigartigen Morallehrer erblickten und die subjektive Vernunft des Einzelnen zur letztgültigen Entscheidungsinstanz in religiösen Fragen erhoben. In zahlreichen Drucken und Manuskripten zum Ausdruck gebracht, wurde dieses neuartige Religionsmodell, das wichtige Stränge der Aufklärungstheologie vorwegnahm, bereits in den ersten Dekaden des 17. Jahrhunderts zum Gegenstand intensiver Debatten in weiten Teilen Europas, um sich anschließend bis weit in das 18. Jahrhundert hinein im Diskurs zu behaupten. In seiner dogmenkritischen Komponente meist kontrovers diskutiert, überzeugte es im Laufe der Zeit durch seine toleranztheoretische Anliegen und Kompatibilität mit der aufkommenden modernen Naturwissenschaft: Sozinianer bejahten die pluralistische Verfassung des Christentums, womit sie die Forderung nach unbedingter Toleranz verbanden, und ihre von der traditionellen Substanzmetaphysik absehende theologische Denkweise verlagerte die Religion auf eine historisch-ethisch konstruierte Ebene, welche die religiösen Inhalte vor Konflikten mit den Grundsätzen der aufkommenden neuen Physik bewahrte.

In kommunikativer Hinsicht verdankte sich die breite Wahrnehmung des historisch-ethischen Religionsmodells der Mobilität und der daraus resultierenden Vernetzung der Sozinianer mit führenden Vertretern der frühneuzeitlichen Theologie, Naturwissenschaft und Politik in Europa. Jene europaweite Vernetzung schlug sich wiederum in ausgedehnten Briefwechseln nieder, in denen sich einerseits die personalen Verbindungslinien der Sozinianer zu herausragenden Gelehrten und Diplomaten und andererseits das Ringen um die neuen Zugänge zu der Religion, Politik sowie den aufstrebenden Naturwissenschaften widerspiegeln. Bereits Fausto Sozzini (1539–1604), der Gründungsvater des Sozinianismus, unterhielt einen weit verzweigten Briefwechsel, der eine wichtige Rolle bei der Genese des historisch-ethischen Religionsmodells und seiner transkonfessionellen Wahrnehmung in Europa spielte: Sozzini korrespondierte nicht nur mit den aufstrebenden Führungskräften der werdenden sozinianischen Kirche, wie etwa Petrus Statorius d. J. (ca. 1565–1605), Andrzej Wojdowski (ca. 1565–1622/25), Johannes Völkel (ca. 1560–1618) und Valentin Schmalz (1572–1622), sondern auch mit den astronomisch versierten Gelehrten Andreas Dudith (1533–1589) und Marcello Squarcialupi (ca. 1538–1592) sowie mit den Denkern, die ihre eigenen, unkonventionellen Wege gingen, wie etwa der Steinfurter Theologe Konrad Vorstius (1569–1622) und der Danziger Rat Matthäus Radecke (1540–1612).

Naturgemäß stellte der Brief die geläufige Kommunikationsform dar, der sich auch die späteren Generationen der Sozinianer bedienten, um ihr Gedankengut untereinander, mit den Sympathisanten und mit den Außenstehenden auszutauschen. Unter den Sozinianern der zweiten Generation ragt in dieser Hinsicht der vielgereiste Martin Ruarus (1588/90–1657) heraus, dessen transkonfessionelles Korrespondentennetzwerk sich von den sozinianisch gesinnten Angehörigen des Ernst Soner-Kreises in Altdorf über den polnischen Großhetmann Stanisław Koniecpolski (ca. 1594–1646) bis hin zu solchen Gelehrten, wie Hugo Grotius (1583–1645), Marin Mersenne (1588–1648), Samuel Sorbière (1615–1670) und Abraham Calov (1612–1686), erstreckte. Von den Sozinianern der dritten Generation vermochte wiederum der ins Hamburger Exil gegangene Stanisław Lubieniecki (1623–1675) ein besonders dichtes Kommunikationsnetzwerk zu knüpfen. In Hamburg mit den mathematisch-astronomisch ausgerichteten Professoren des Johanneums Johannes Müller (1611–1671) und Heinrich Sivers (1626–1691) kooperierend, avancierte Lubieniecki im Verlauf der 1660er Jahre zu einer Drehscheibe für den Austausch der politischen und astronomischen Nachrichten zwischen Ost-, Mittel- und Westeuropa: Zu seinen Briefpartnern zählten neben den bekannten heliozentrisch ausgerichteten Astronomen, wie Johannes Hevelius (1611–1687) und Ismael Boulliau (1605–1694), die Liebhaber der Astronomie unter den deutschen Diplomaten, wie etwa Johann Ernst von Rautenstein (1623–1666), sowie hochrangige Mitglieder des schwedischen Hofs, wie etwa der Reichskanzler Magnus Gabriel de la Gardie (1622–1686) und der schwedische Feldmarschall und Statthalter in Pommern Carl Gustav Wrangel (1613–1676).

Im Vergleich zu den bereits erwähnten Korrespondenzen, die durch ihre Bedeutung und Umfang gleichermaßen hervorstechen – die Briefwechsel von Sozzini, Ruarus und Lubieniecki machen zusammen etwa 80 % der sozinianischen Briefüberlieferung aus –, fielen die erhaltenen Schreiben der anderen Sozinianer zwar weniger zahlreich, aber nicht minder vielschichtig aus. Florian Crusius (gest. nach 1645), ein Sozinianer der zweiten Generation und praktizierender Arzt, tauschte sich beispielsweise mit dem bedeutenden Astronomen Johannes Kepler (1571–1630) aus. Seine Gesinnungsgenossen Samuel Przypkowski (15921670), Andrzej und Benedykt Wiszowaty (1608–1678 und ca. 1649–ca. 1704) setzten wiederum das Medium Brief ein, um die Vernetzung der Sozinianer untereinander und ihre Selbstorganisation in Zeiten des zunehmenden Drucks und der Vertreibung aus Polen-Litauen aufrechtzuerhalten, aber auch um die Wahrung, Weitergabe und Publikation des intellektuellen Erbes des Sozinianismus zu gewährleisten. Schließlich klangen die sozinianischen Briewechsel mit der Korrespondenz Samuel Crells (1660–1747) aus, des letzten bedeutenden Vertreters des in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im breiten Strom der Aufklärung aufgehenden Sozinianismus. Der mit Isaac Newton (1642–1727) persönlich bekannte Crell stand in brieflichem Kontakt zu den führenden Remonstranten Philipp van Limborch (1633–1712) und Johann Jakob Wettstein (1693–1754) ebenso wie zu dem Frühaufklärer Pierre Bayle (1647–1706) und dem Berliner Hofbibliothekar Maturin Veyssière de La Croze (1661–1739), mit denen er theologische, philosophische und philologische Themen erörterte.

Geographische Verteilung der Absendeorte und der bisher im Projekt der Sozinianischen Briefwechsel erfassten Empfangsorte. Die Punktgröße repräsentiert die Anzahl der Briefe

Die transnational-transkonfessionelle Vernetzung der Sozinianer und ihre sich im Spannungsfeld von theologischen, politisch-gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Fragen bewegenden Briefwechsel ließen sie bis in die jüngere und jüngste Zeit hinein für Theologie-, Philosophie-, Wissenschafts- und AllgemeinhistorikerInnen interessant erscheinen: Die europäische Vernetzung der Sozinianer bildete zusammen mit ihrem Beitrag zur Entstehung der Frühaufklärung seit dem Aufkommen der historisch-kritischen Sozinianismusforschung im 19. Jahrhundert regelmäßig einen Gegenstand der Untersuchungen. Dessen ungeachtet sind die sozinianischen Briefwechsel in ihrer Gesamtheit bis heute weder systematisch erschlossen noch ediert worden. Im Sinne einer modernen kritischen Ausgabe liegt lediglich die von Antonio Rotondò im Jahr 1986 edierte Korrespondenz Lelio Sozzinis (1525–1562) vor, der mit seiner geschichtlich gedachten Christologie den Grundstein für das von seinem Neffen Fausto entfaltete sozinianische Denksystem legte. Bei dem Briefwechsel Fausto Sozzinis sieht die Lage schon anders aus: Kritisch ediert wurde nur seine neu aufgefundene italienische Korrespondenz, die ihre Entdecker Valerio Marchetti und Giampaolo Zucchini im Jahr 1982 herausbrachten. Die einzige zitierfähige Ausgabe des bei weitem umfangreicheren und für die europäische Vernetzung der Sozinianer aufschlussreicheren lateinischen Briefwechsels Fausto Sozzinis ist nach wie vor dem ersten Band der in den späten 1650er-Jahren verlegten Bibliotheca Fratrum Polonorum zu entnehmen. Inzwischen gibt es zwar von diesem Briefwechsel eine 1959 von Ludwik Chmaj besorgte kommentierte polnische Übersetzung, die das Briefkorpus der Bibliotheca Fratrum Polonorum um einige weitere Stücke ergänzt, die alten Datierungsfehler berichtigt und etliche anonyme Adressaten (Andreas Dudith, Jakob Fabritius [1551–1629]) identifiziert. Gleichwohl bleibt die polnische Übersetzung für die wissenschaftliche Forschung nicht uneingeschränkt brauchbar, denn sie verzichtet auf den Abdruck des kritisch aufgearbeiteten lateinischen Textes.

Noch dürftiger ist es um die editorische Aufarbeitung der Briefwechsel weiterer Sozinianer bestellt. Seit dem 19. Jahrhundert wurden zwar zahlreiche neu entdeckte Briefe bedeutender Sozinianer wie Christoph Ostorodt, Johannes Crell (1590–1633), Samuel Przypkowski, Johann Ludwig von Wolzogen (1600–1660), Andrzej Wiszowaty, Jeremias Felbinger (1616–ca. 1690), Samuel Crell und anderer in Form kleinerer Auswahlsammlungen oder als Beilagen zu Aufsätzen veröffentlicht. Von den wissenschaftlich verwertbaren größeren Sammlungen, die systematisch angelegt wären, kommen aber weiterhin nur die zwei maßgeblichen Ausgaben aus dem 17. bzw. 18. Jahrhundert in Betracht. Die 1668 erschienenen Bände I und III des Theatrum cometicum des Stanisław Lubieniecki umfassen eine Auswahl der Briefe zu astronomischen Themen aus dem begrenzten Zeitraum von 1664 bis 1668, die bei der Drucklegung redaktionell mitunter stark überarbeitet worden waren. Die 1677 resp. 1681 erstmals publizierten und von Gustav Georg Zeltner (1672–1738) im Jahr 1729 nachgedruckten beiden Bände mit der Korrespondenz des Martin Ruarus, die Epistolarum selectarum centuriae duae, stellen wiederum ein unverzichtbares, wenngleich selektiv gestaltetes Kaleidoskop der europäischen Verbindungen und intellektuellen Interessen der Sozinianer aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts dar. Der restliche Teil der sozinianischen Briefwechsel ist entweder unveröffentlicht, oder aber er findet sich verstreut in alten Drucken, von denen nur wenige den Ansatz einer systematisierenden, personenbezogenen Zusammenstellung aufweisen. So beinhaltet der fünfte Band der Bibliotheca Fratrum Polonorum einige Fragmente der Korrespondenz Johannes Crells, der erste Band der Historia antitrinitariorum des Friedrich Samuel Bock (1716–1785) bietet Ausschnitte aus dem Briefwechsel Michael Gittichs (gest. 1654), und in den Bänden I und III des Thesaurus Epistolicus Lacrozianus (1742; 1746) sind die zwischen Maturin Veyssière de La Croze und Samuel Crell ausgetauschten Schreiben zusammengeführt.

Angesichts der skizzierten Bestandsaufnahme ist die Notwendigkeit einer systematischen Erfassung der sozinianischen Briefwechsel und ihrer modernen Edition evident. Diese Lücke zu schließen, ist Ziel des vorliegenden Projekts.

Ziele, Begriffsbestimmungen, Konzeption und technologischer Zuschnitt der Edition

Das am 1. Januar 2018 gestartete Projekt Zwischen Theologie, frühmoderner Naturwissenschaft und politischer Korrespondenz: Die sozinianischen Briefwechsel verfolgt das Ziel, die bisher nicht edierten Korrespondenzen der Sozinianer vollständig zu erfassen (bislang 2047 Stücke) und in einer graphbasierten historisch-kritischen Edition zugänglich zu machen. In inhaltlicher Hinsicht wird hiermit die Quellenbasis für die Erforschung der Prozesse aufbereitet, die Aufschluss geben über 1. die Genese und Entwicklungen des Sozinianismus als religiöses Denksystem, 2. seine transnationale wie transkonfessionelle Vernetzung, Ausbreitung und politische Situierung in Europa sowie 3. die Einbettung der Vertreter des Sozinianismus in und ihren Beitrag für den frühmodernen naturwissenschaftlichen Diskurs. Grundlegend für das Vorhaben ist der eingangs gebotene Begriff des Sozinianismus, der sich bislang bewährt hat und eine klare Richtlinie vorgibt: In die Edition der sozinianischen Briefwechsel werden nur Briefe aufgenommen, die im Sinne des verwendeten Sozinianismus-Begriffs einen Sozinianer zum Absender oder Adressaten hat (im Idealfall sind beide Sozinianer). Den Kern der Edition bilden die umfangreichen Teilkorpora mit den Briefwechseln von Fausto Sozzini (110 Stücke), Martin Ruarus (234 Stücke) und Stanisław Lubieniecki (über 1.300 Stücke), um die herum die restlichen kleinen Briefsammlungen gruppiert werden: Das mit Abstand umfangreichste und editionstechnologisch anspruchsvollste Teilkorpus Lubieniecki wird im Wesentlichen in der ersten Projektphase (2018–2020) bearbeitet, wohingegen die Teilkorpora Sozzini und Ruarus zusammen mit dem Rest in der zweiten Projektphase (2021–2023) ediert werden sollen.

Dass die Arbeiten in der ersten Projektphase mit dem Teilkorpus Lubieniecki starteten, hat inhaltliche wie technologische Gründe. In inhaltlicher Hinsicht kommt Lubieniecki eine hohe Bedeutung bei der Sammlung und Distribution von astronomischen und politischen Nachrichten zu, die er vielfach in Form von Beilagen weiterleitete. Auch Fragen nach der theologischen und naturphilosophischen Deutung der Himmelsphänomene werden in den Briefen ausführlich thematisiert, die Lubieniecki mit seinen in ganz Europa ansässigen Briefpartnern verschiedener Konfessionen austauschte. Da diese Briefe für die Drucklegung im Theatrum cometicum teilweise stark überarbeitet wurden, sind sie auch für Techniken der Textkritik von Belang. Aus der Perspektive der Digital Humanities betrachtet, boten wiederum die Dichte dieses transkonfessionellen und transnationalen Netzwerks sowie die Heterogenität des darin zirkulierenden Materials eine dankbare Ausgangsbasis, um neue Auswertungsinstrumente zu entwickeln. In Unterschied zu gedruckten Editionen und in Ergänzung zu herkömmlichen, auf relationalen Datenbanken aufbauenden digitalen Editionen gelang es in der ersten Projektphase, in den digitalen Geisteswissenschaften bereits eingeführte XML-Technologien in der im Rahmen des Projekts genutzten Editionsumgebung ediarum mit Graphentechnologien zu verbinden. Der Einsatz der Graphentechnologien ermöglicht es, über die Ansätze traditioneller Register hinaus auch personelle Vernetzungen der Korrespondenten und zugleich diskursive Verknüpfungen abzubilden, damit schneller zu finden und zu analysieren.

Die zu Projektbeginn durchgeführte ordnende Durchsicht der Briefe aus dem Teilkorpus Lubieniecki, insbesondere im Bereich der Beilagen, zog eine Präzisierung des Briefbegriffs nach sich, der für das Verständnis und die Erschließung der im Spannungsfeld zwischen Theologie, Naturwissenschaft und Politik erfolgten Prozesse um die Sammlung, Distribution und Diskursivierung von Informationen grundlegend ist. Infolge des vielfach gegebenen engen Zusammenhangs zwischen dem Anschreiben und der Beilage bzw. den Beilagen als „wichtigem Merkmal der Briefkultur“ (Gabriele Radecke) wird im Rahmen der vorliegenden Edition von einem engeren und einem weiteren Briefbegriff ausgegangen. Im engeren Sinn wird darunter das Anschreiben verstanden; im weiteren Sinn angewandt, umfasst der Briefbegriff auch die Beilagen, die somit als integraler Bestandteil eines Briefs gelten. Dank eines derart strukturierten weiteren Briefbegriffs können auch überlieferte Texte als Brief(bestandteil)e sinnvoll erfasst werden, bei denen ausweislich eines Dorsualvermerks kein Anschreiben vorhanden war oder überliefert worden ist (in der Datenbank dann dargestellt als erschlossener Brief mit erhaltenen und eindeutig zuzuordnenden Beilagen, z. B. Lubieniecki an Schletzer, zwischen 7. und 12. Mai 1665). Dieser weitere Briefbegriff lässt sich aber auch auf Schreiben anwenden, deren Übermittlung nicht mehr genau rekonstruiert werden kann, denen Merkmale wie Anrede, Grußformeln, Adressangaben fehlen, die jedoch ausweislich von Dorsualvermerken verschickt worden bzw. an entsprechenden, bestimmten Adressaten zuzuordnenden Orten überliefert sind. Umgekehrt gilt dies ebenfalls für die Rekonstruktion von Brieftexten, die ausschließlich handschriftlich als Exzerpte in Nachrichtenbeilagen überliefert worden sind: Vor allem bei der Distribution von astronomischen Beobachtungen (inklusive der dabei angefertigten Bildskizzen) kam es häufig vor, dass man als Beilage das weiter leitete, was ursprünglich ein Brief im engeren Sinn war.

In der Edition werden in textkritischer Hinsicht möglichst die ursprünglichen Handschriften der Briefe als editorische Leitvariante genutzt, die als technische Referenzfassung für – in jeweils eigenen Dateien erfassten – Varianten und Beilagentexte fungiert. Im Fall des im Druck erschienenen und zugleich weiterhin vielfach aufbewahrten handschriftlichen Bestands des Briefwechsels von Lubieniecki hat dies in der Praxis eine Transkription aller zur Verfügung stehenden Textvarianten, ihren textkritischen Abgleich und ihre (noch in Implementierung befindliche) Kollationierung per Textalignment zur Folge, welche die Abweichungen für den Nutzer leicht nachvollziehbar anzeigt und deren wissenschaftlicher Ertrag außer Zweifel steht: Hiermit werden der Forschung wichtige zusätzliche Informationen erschlossen, die bei der Auswertung der alten, redigierten Ausgabe des Theatrum cometicum bislang unberücksichtigt geblieben ist. Beim Fehlen eines handschriftlichen Originals wird die erste in der Öffentlichkeit gelangte Druckfassung des entsprechenden Stücks (editio princeps) herangezogen, die, sollte es von ihr eine Neuauflage gegeben haben, wie etwa im Fall der Epistolarum selectarum centuriae duae des Ruarus, mit dieser kritisch abgeglichen wird. Sowohl in handschriftlicher als auch in gedruckter Fassung überlieferte Briefe werden behutsam normalisierend transkribiert, wobei auf Lesbarkeit geachtet wird. Über die Normalisierung legen die Editionsrichtlinien detailliert Rechenschaft ab. Sofern konservatorische oder anderweitige Gründe nicht dagegen sprechen, werden den bearbeiteten Texten die Digitalisate der jeweiligen Dokumente zur Seite gestellt.

In konzeptioneller Hinsicht wird im Rahmen der Edition angestrebt, das Gesamtkorpus der sozinianischen Briefwechsel zu transkribieren und auf verschiedenen Ebenen zu verschlagworten, um auf diese Weise seine Zugänglichkeit, Durchsuchbarkeit und graphbasierte Erschließung zu gewährleisten. Bezüglich der vollständigen Bearbeitung der Briefe im Sinne der Regestierung und Kommentierung wird hingegen bei den zu edierenden Briefwechseln eine repräsentative Auswahl getroffen. Als Auswahlkriterien gelten hier zum einen das oben erwähnte dreigliedrige inhaltliche Ziel der Edition und zum anderen der textkritische Befund: Prioritär herangezogen werden die Korrespondenzen, die eine handschriftliche und eine für die Publikation bearbeitete gedruckte Überlieferung vorzuweisen haben.

Für die vollständige editorische Bearbeitung wurden nach diesen inhaltlichen und textkritischen Kriterien in der ersten Projektphase die Korrespondenzen von Lubieniecki mit Johannes Placentinus (?–1683), Samuel Reyher (1635–1714), Otto von Guericke d. Ä. (1602–1686), Otto von Guericke d. J. (1628–1704), Heinrich Sivers, Johannes Müller, Johannes Hevelius, Joachim Stegmann d. J. (1618–1678), Ismael Boulliau, Johann Ernst von Rautenstein, Johann Melchior Rötlin (floruit: 1633–1674) und Johann Friedrich von Schletzer ausgesucht. Zum einen dokumentiert diese repräsentative Auswahl der Partikularkorpora aus dem Teilkorpus Lubieniecki auf eindrückliche Weise die transnationale und transkonfessionelle Vernetzung der Vertreter des (Spät-)Sozinianismus mitsamt ihrer Einbindung in den frühmodernen politischen und naturwissenschaftlichen Diskurs in Europa; hierbei wird ein breites Spektrum an Positionen abgedeckt, die verdeutlichen, in welcher Weise Himmelsbeobachtung, deren theologische sowie philosophische Reflexion und die Deutung der damaligen Gegenwart einander durchdringen. Zum anderen eignen sich vor allem die Partikularkorpora Müller, Hevelius, Boulliau und Rautenstein aufgrund ihrer dankbaren textkritischen Überlieferungslage (vielfach Handschrift und Druck) gut dazu, die weitreichenden Eingriffe aufzuzeigen, die im Zuge der Publikation der Korrespondenzen im Theatrum cometicum vorgenommen wurden: Insbesondere die Nachrichten zur persönlich-politischen Vernetzung der Akteure, aber auch ursprüngliche wissenschaftliche Hypothesen, die sich nicht bewährt hatten, fielen den redaktionellen Kürzungen zum Opfer.

In der zweiten Phase soll die Edition der sozinianischen Briefwechsel im Sinne der Zielsetzung des Projekts fortgeführt und abgeschlossen werden. Das bedeutet zum einen eine vollständige Bearbeitung der repräsentativen Teilkorpora (insgesamt: 1193 Stücke) und zum anderen eine vollständige Transkription sowie Verschlagwortung des Gesamtkorpus der sozinianischen Briefwechsel. Als repräsentativ werden im Teilkorpus Lubieniecki neben den bereits aufgeführten Partikularkorpora seine Briefwechsel mit dem schwedischen Kanzler Magnus Gabriel de la Gardie, dem niederländischen Mathematiker Abraham de Grau (1632–1683), den dänischen Gelehrten Thomas und Erasmus Bartholin (1616–1680 und 1625–1698) sowie dem sozinianischen Gesinnungsgenossen Tobiasz Morsztyn. Darüber hinaus werden die Teilkorpora Sozzini und Ruarus wegen ihrer überragenden Bedeutung vollständig bearbeitet (das Erstgenannte allerdings ohne die italienischen Briefe Sozzinis, die bereits historisch-kritisch ediert wurden). Das Feld der vollständig bearbeiteten Briefe wird durch vier kleine Teilkorpora – Andrzej und Benedykt Wiszowaty, Samuel Przypkowski, Johann Ludwig von Wolzogen (16001661) und Florian Crusius – komplettiert, die größtenteils nur in handschriftlicher Fassung überliefert sind. Zusammen mit den vollständig transkribierten, verschlagworteten und mit Normdaten angereicherten restlichen sozinianischen Briefwechseln bilden jene Teilkorpora eine in dieser Form zum ersten Mal systematisch bearbeitete, gut durchsuchbare Quellenbasis, welche die Einbettung des Sozinianismus in die grundlegenden Prozesse von Entwicklung, Sammlung und Distribution von Wissen und Information im frühneuzeitlichen Europa als Glaubens-, Wissenschafts- und Kommunikationsraum für die Forschung erschließt.

Kurze Einleitungen in die Teilkorpora und Partikularkorpora sowie gezielte sachlich-inhaltliche Kommentierung sollen den NutzerInnen der Edition das Verständnis der vollständig bearbeiteten Briefe erleichtern. Regesten vermitteln einen ersten Überblick über die Inhalte der Korrespondenzen. Die Möglichkeit eines textkritischen Abgleichs mittels der (noch in Implementierung befindlichen) automatischen Kollationierung der verschiedenen Varianten ebnet ihrerseits den Weg für einen unkomplizierten Einblick in die mitunter komplexe Überlieferung der Schreiben, die für die Analyse der dahinter stehenden Praktiken aufschlussreich ist.

Die graphbasierte digitale Edition wird schließlich nach Vollendung der Arbeiten den Nutzen geographischer, personen- und sachbezogener Auswertungsmöglichkeiten über eine systematische Verschlagwortung der edierten Texte bieten. Bei traditionellen digitalen Editionen werden Personen, Orte und Sachen in Registern verzeichnet, sodass man aus den Registern heraus direkten Zugriff auf alle Vorkommen der jeweiligen Lemmata in der Briefedition hat. Eine graphbasierte digitale Edition vermag darüber hinaus diese Informationen in vernetzter Form abzubilden, so dass die NutzerInnen sich die mehrfach ausdifferenzierten Konstellationen der sie interessierenden Sachverhalte anzeigen lassen können. Wie am Beispiel des Sachbegriffs Freiheit (Abb. 2) exemplarisch veranschaulicht, wird dieser Begriffin (einem ausgewählten Ausschnitt aus) den sozianischen Briefwechseln mit unterschiedlichen Konnotationen verwendet – im Sinn der religiösen Freiheit und der philosophischen Freiheit. Im erstgenannten Sinn kommt er in einem Brief (gelbe Knoten) von Lubieniecki (brauner Knoten) an Hevelius vom 14. Juli 1665 vor, und im zweitgenannten Sinn begegnet der Begriff in den Briefen von Sivers an Lubieniecki vom 18. Dezember 1664 (Brief 1), von Lubieniecki an Sivers vom 24. Dezember 1664 (Brief 2), von Lubieniecki an Watson vom 15. November 1665, von Placentinus an Lubieniecki vom 6. April 1666 und von Lubieniecki an Placentinus vom 30. April 1666.

Graphdarstellung verschiedener Freiheitsbegriffe in Briefwechseln
Verschiedene Freiheitsbegriffe in Briefwechseln (Quelle: Kuczera).

Damit wird das Projekt über die üblichen Erschließungsansätze mit Volltextsuche und Registern hinausgehen und die Abfrage von Mustern ermöglichen. Außerdem soll die Edition die den Briefen beiliegenden und in den meisten Fällen in Form sorgfältig ausgearbeiteter Kupferstiche veröffentlichten Zeichnungen astronomischer Phänomene integrieren, welche die in den Briefwechseln thematisierten Sachverhalte visualisieren. Die im Theatrum cometicum den Zeichnungen beigegebenen schriftlichen Informationen werden verschlagwortet, so dass auch sie künftig durchsucht werden können.

Kritische Editionen

Aggiunte all’epistolario di Fausto Sozzini 1561–1568, a cura di Valerio Marchetti e Giampaolo Zucchini, Warszawa 1982.

Faust Socyn, Listy, Tom I i II, opracował Ludwik Chmaj, Warszawa 1959.

Lelio Sozzini, Opere. Edizione critica a cura di Antonio Rotondò, Firenze 1986.

Aufsätze und sonstige Publikationen mit sozinianischen Briefen im Anhang

Juliusz Domański, Lech Szczucki, Miscellanea arianica, in: Archiwum historii filozofii i myśli społecznej 6 (1960), S. 199–288.

Stanisław Kot, Źródła do historji propagandy literatury i oświaty w Polsce, in: Reformacja w Polsce 7/8 (1935/36), S. 316–340.

Katarzyna Kotońska, Dwa nieznane listy Jana Crella, in: Archivum historii i myśli społecznej 38 (1993), S. 187–192.

Alexander Rembowski, Dyaryusz wojny Moskiewskiej 1633 roku, Warszawa 1895.

Stephen D. Snobelen, Isaac Newton, Socinianism, and “the One Supreme God”, in: Martin Mulsow, Jan Rohls (Hg.), Socinianism and Arminianism. Antitrinitarians, Calvinists and Cultural Exchange in Seventeenth-Century Europe, Leiden u. a. 2005, S. 241–298.

Lech Szczucki, Z dziejów emigracji socyniańskiej w Holandii, in: Odrodzenie i Reformacja w Polsce 20 (1975), S. 201–209.

Janusz Tazbir, Socynianizm prusko-brandenburski w XVII i XVIII wieku, in: Odrodzenie i Reformacja w Polsce 18 (1973), S. 181–195.

Theodor Wotschke, Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz, in: Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen 26 (1911), S. 161–223.

Theodor Wotschke, Ein dogmatisches Sendschreiben des Unitariers Ostorodt, in: Archiv für Reformationsgeschichte 12 (1915), S. 137–154.

Theodor Wotschke, Der polnischen Brüder Briefwechsel mit den märkischen Enthusiasten, in: Deutsche Wissenschaftliche Zeitschrift für Polen 22 (1931), S. 1–66.

Literatur (Auswahl)

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Delio Cantimori, Italienische Häretiker der Spätrenaissance, Basel 1949.

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Kęstutis Daugirdas, The Biblical Hermeneutics of Socinians and Remonstrants in the 17th Century, in: Marius van Leeuwen, Keith D. Stanglin, Marijke Tolsma (Hg.), Arminius, Arminianism, and Europe: Jacobus Arminius (1559/60–1609), Leiden u. a. 2009, S. 89–113.

Otto Fock, Der Sozinianismus nach seiner Stellung in der Gesamtentwicklung des christlichen Geistes, nach seinem historischen Verlauf und nach seinem Lehrbegriff dargestellt, Kiel 1847, Nachdruck: Aalen 1970.

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Andreas Kuczera, Graphbasierte Digitale Text- und Bilderschließung“. DARIAH - DE Working Papers Nr. 35. Göttingen: DARIAH-DE, 2019, DARIAH - DE Working Papers, 35 (2019), S. 4–15, http://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:7-dariah-2019-7-0

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Gabriele Radecke, Beilage, Einlage, Einschluss. Zur Funktion und Differenzierung von Briefbeigaben und ihrer editorischen Repräsentation am Beispiel von Theodor Fontanes Briefwechseln mit Bernhard von Lepel und Theodor Storm, in: Anne Bohnenkamp, Elke Richter (Hg.), Briefedition im digitalen Zeitalter, Berlin, Boston 2013 (= Beihefte zur editio, 34), S. 165–177.

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