Das Partikularkorpus Lubieniecki – Guericke d. J.

Der Briefwechsel mit Otto Guericke d. J. (1628–1704) besteht aus zehn Briefen, die zum Teil lediglich kurze Anschreiben zu inhaltlich gewichtigeren Beilagen sind, zum Teil aber auch größeren Umfang aufweisen. Guericke d. J., der zusammen mit seinem gleichnamigen Vater am 6. Januar 1666 in den erblichen Adelsstand erhoben wurde und deshalb wie dieser unter der Namensform "von Guericke" geführt wird, bekleidete seit 1663 in der Stadt Hamburg das Amt des Geschäftsträgers des Kurfürstentums Brandenburg und war mit Lubieniecki bereits persönlich bekannt, bevor der Briefwechsel am 23. Dezember 1664 anlässlich des Erscheinens des Kometen C/1664 W1 eröffnet wurde. Ihre Korrespondenz, die vier Briefe Lubienieckis und sechs Schreiben Guerickes d. J. umfasst, bestimmten seit dem 26. Dezember 1664 weitgehend die Auffassungen Otto von Guerickes d. Ä. Die Partikularkorpora der Briefwechsel mit Guericke d. J. und Guericke d. Ä. sind thematisch deshalb eng miteinander verwoben.

Guericke d. J. übermittelte Lubieniecki zunächst einige der Beobachtungen des neu erschienenen Kometen und knappe naturphilosophische Erklärungen jener Himmelserscheinungen seines Vaters. Dessen Auffassungen, in denen frappierend traditionelle Elemente wie die Herkunft der Kometen aus atmosphärischen Prozessen, was der aristotelischen Kometenlehre entsprach, mit innovativen Ideen, bspw. der Heliostatik und der Annahme eines leeren Weltraums, kombiniert waren, fanden über die Mitteilungen seitens Guerickes d. J. und zahlreiche Briefe Lubienieckis weite Verbreitung in dessen Netzwerk. Guericke d. J. lenkte die Aufmerksamkeit Lubienieckis auch auf andere Erfindungen seines Vaters und nutzte so die sich in Form des geplanten Theatrum cometicum bietende Gelegenheit, dessen Apparate und Experimente in der gelehrten Welt bekannt zu machen. Durch Vermittlung Guerickes d. J. kam schließlich auch der direkte Kontakt zwischen seinem hoch angesehenen Vater und Lubieniecki zustande. 

Dem Briefwechsel mit Guericke d. J. kommt in der Geschichte der Verbreitung der Ideen von Guericke d. Ä. auch insoweit eine wichtige Funktion zu, als Lubieniecki im Theatrum cometicum einer größeren Leserschaft die Grundzüge von dessen kosmologischem Hauptwerk, den Experimenta nova Magdeburgica (1672), zugänglich machte: Er druckte ein Titelblatt, das Inhaltsverzeichnis der ersten beiden Bücher und Passagen ab, in denen das Konzept des leeren Raumes behandelt wurde. Diese Auszüge führten die philosophischen und theologischen Fernwirkungen derjenigen physikalischen Experimente vor Augen, mit denen Guericke seit ihrer Veröffentlichung in der Mechanica hydraulica-pneumatica (1657) und der Technica curiosa, sive mirabilia artis libris XII comprehensa (1664) des Jesuitenpaters Kaspar Schott (1608–1666) bekannt geworden war. Da das Vakuum ein zwischen Cartesianern, Aristotelikern und experimentellen Naturforschern kontrovers diskutiertes Thema war, durfte Lubieniecki damit rechnen, sich als geschickter Publizist zu erweisen, der es verstanden hatte, einen hoch brisanten Gegenstand in sein Theatrum cometicum aufzunehmen, selbst wenn er mit den Kometen in einem eher lockeren Zusammenhang stand.

Literatur (Auswahl)

Otto von Guerickes Neue (sogenannte) Magdeburger Versuche über den leeren Raum nebst Briefen, Urkunden und anderen Zeugnissen seiner Lebens- und Schaffensgeschichte, übersetzt und herausgegeben von Hans Schimank unter Mitarbeit von Hans Gossen, Gregor Maurach und Fritz Krafft, Düsseldorf 1968.

Fritz Krafft, Die bekannte Korrespondenz des Otto von Guericke (d. Ä.). In: Technikgeschichte 45 (1978), S. 37–54.

Otto von Guericke, Gottfried Wilhelm Leibniz, Leibniz und Guericke im Diskurs. Die Exzerpte aus den Experimenta Nova und der Briefwechsel, herausgegeben von Berthold Heinecke, Wolfram Knapp, Paolo Rubini, Peter Streitenberger, übersetzt von Paolo Rubini, Berlin u. a. 2019.