Das Partikularkorpus Lubieniecki – Rautenstein

Die lateinisch geführte Korrespondenz mit Johann Ernst von Rautenstein ist gemäß der komplexen Überlieferungslage mit mehr als 190 Briefen und Brieffragmenten die umfangreichste, die Lubieniecki geführt hat. Dabei sind nur sehr wenige Autographen oder Ausfertigungen erhalten geblieben. Überwiegend sind die Schreiben durch den Abdruck im Theatrum cometicum oder in der Form von anonymisierten Briefexzerpten als Meldungen in handschriftlichen Nachrichtenbeilagen – und damit in Lubienieckis Überarbeitung – mehr oder minder gekürzt bzw. zensiert überliefert, wie die Kollationierung entsprechend überlieferter Stücke zeigt. Die bislang bekannten Schreiben sind dabei in einem – gemessen an der Zahl der Briefe – relativ kurzen Zeitraum vom 21. November 1662 bis zum 2. Januar 1666 gewechselt worden und legen Zeugnis von einer auf verschiedenen Ebenen ungleichen, aber doch tiefen Freundschaft ab, die durch Rautensteins plötzlichen Tod 1666 jäh endete.

Rautenstein war 1623 in Blankenburg in eine lutherische Familie geboren worden. Seine Geburtsstadt lag am nördlichen Rand des Harzes und damit im damaligen Herrschaftsgebiet der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, zu denen er auch später, nach seiner Konversion zum Katholizismus in Köln (1654), Kontakt hielt. Nach einem Aufenthalt am Wiener Hof war Rautenstein 1656 zunächst in die Dienste des Herzogs Christian August von Pfalz-Sulzbach (1622–1708), kurz darauf in bayerische und 1658 schließlich in die Dienste von Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg (1615–1690) getreten.

Zu diesem Zeitpunkt war die erste Ehefrau des Neuburger Herzogs, die polnisch-litauische Prinzessin Anna Katharina Constantia Wasa (1619–1651), bereits verstorben. Das politische Interesse ihres Witwers an den Vorgängen im nordöstlichen Europa im allgemeinen und an Polen-Litauen im besonderen war mit ihrem Tode allerdings keineswegs erloschen: So interessierte sich Philipp-Wilhelm für die Nachfolge seines Schwagers, der Name des Neuburger Herzogs fand sich unter denen der potentiellen Kandidaten für die Wahl eines Nachfolgers des polnischen Königs. Darüber hinaus schwelte zu diesem Zeitpunkt noch der langjährige Jülich-Klevische Erbfolgestreit mit dem Kurfürsten von Brandenburg. Um seine Interessen in der Frage dieser umstrittenen rheinischen Besitzungen zu wahren und seine Position als Schwager des polnischen Königs in den Friedensverhandlungen zu betonen, entsandte der Neuburger Herzog Rautenstein in den Norden, als in der ersten Jahreshälfte 1660 im Kloster Oliva bei Danzig vorrangig zwischen Polen-Litauen und Schweden, aber auch zwischen den Gesandten anderer europäischer Mächte Verhandlungen um die Beendigung des Zweiten Nordischen bzw. Polnisch-Schwedischen Krieges (1655–1660) geführt wurden. Am Rande dieser Gespräche traf Rautenstein auf Lubieniecki, der seinerseits über die schwedische Delegation versuchte, zum Wohle seiner Glaubensgemeinschaft auf den Gang der Verhandlungen einzuwirken.

Ungeachtet der konfessionellen Differenz, über die sich beide vermutlich von Beginn an im Klaren waren, freundeten sich die beiden miteinander an und traten auch wieder in Kontakt, nachdem sich Lubieniecki als Glaubensflüchtling in Hamburg niedergelassen hatte. Rautenstein blieb bis 1661 am polnischen Hof, um dort eine etwaige Thronfolge seines Herzogs zu sondieren. Anschließend kehrte Rautenstein an den Neuburger Hof zurück und diente seinem Herrn in verschiedenen Funktionen, darunter die des Gesandten am Regensburger Reichstag. Auf der Rückreise aus Stockholm anlässlich einer diplomatischen Mission am schwedischen Hof verunglückte er Ende Mai 1666 schwer in der Nähe von Kiel und erlag dort seinen Verletzungen. Im Zuge der Überführung des Toten ins oberpfälzische Dietldorf, wo Rautenstein schließlich begraben werden sollte, machten Rautensteins Begleiter mit seinem Leichnam auch Station im Hause Lubienieckis.

Rautensteins Tod bedeutete für Lubieniecki den Verlust eines nahen Freundes und gleichzeitig eines hochgestellten Förderers, auf dessen Protektion er sich stets hatte verlassen und auf den er sich bei der Kontaktaufnahme zu anderen Persönlichkeiten stets hatte berufen können. Der gut informierte Rautenstein hatte Lubieniecki in seinen Briefen mit politischen Nachrichten versorgt, so vor allem aus den Verhandlungen auf dem Regensburger Reichstag, ihm aber auch andere Neuigkeiten weitergeleitet. Mit dem humanistisch gebildeten Rautenstein hatte sich Lubieniecki über philosophische und theologische Themen ausgetauscht und das Interesse für Astronomie und Naturwissenschaften geteilt. Mit Rautenstein hatte sich Lubieniecki besonders eingehend beraten, als in ihm die Idee zur Herausgabe des Theatrum cometicum reifte. Ihm hatte er offensichtlich u. a. die Kontakte zu den Jesuiten Kaspar Schott (1608–1666) und Albert Curtz (1600–1671), dem Rektor des Neuburger Jesuitenkollegs, zu verdanken.

Zwar waren Rautenstein und Lubieniecki beide adliger Herkunft, doch zwischen ihnen bestanden nicht nur konfessionelle, sondern vor allem auch hierarchische Unterschiede, die sich durch ihre unterschiedlichen Lebensumstände ergeben hatten. In ihrem Briefwechsel konnten sie sich aber als ebenbürtige Angehörige der respublica litteraria begegnen, in der – zumindest in der Fiktion – Rang weniger galt als Bildung und in der auch konfessionelle Differenz kein Hinderungsgrund für einen vertrauensvollen und fruchtbaren Austausch über ein breites thematisches Spektrum war.

Literatur (Auswahl)

Ludwig Bittner, Lothar Groß, Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder seit dem Westfälischen Frieden (1648). I. Band (1648-1715), Oldenburg, Berlin 1936, Nachdruck: Schaan/Liechtenstein 1976.

Maciej Jasiński, Stanisław Lubieniecki i astronomia kometarna XVII stulecia, Warszawa, Gdańsk 2017.

Kai E. Jordt-Jørgensen, Stanisław Lubieniecki. Zum Weg des Unitarismus von Ost nach West im 17. Jahrhundert, Göttingen 1968.

Hans Schmidt, Aus der Oberpfalz nachh Ostmitteleuropa. Der plalz-sulzbachische und pfalz-neuburgische Rat Johann Ernst von Rautenstein, in: Konrad Ackermann, Gerg Girisch (Hg.), Gustl Lang. Leben für die Heimat, Weiden 1989, S. 384–403.

Janusz Tazbir, Stando lubentius moriar. Biografia Stanisława Lubienieckiego, Warszawa 2003.