Das Partikularkorpus Lubieniecki – Schletzer

Das Partikularkorpus, welches in der vorliegenden Edition erstmals präsentiert wird und bislang auch nicht im (Teil-)Druck vorgelegen hat, besteht aus 46 Briefen, die Stanisław Lubieniecki zwischen dem 21. März 1665 bis zum 2. Januar 1666 an Johann Friedrich Wilhelm von Schletzer, von dem keine genauen Lebensdaten überliefert sind, durchgängig auf Französisch geschrieben hat. Es sind damit 5 Stücke mehr, als Nilüfer Krüger für den gedruckten Katalog der Uffenbach-Wolfschen Briefsammlung gezählt hat, in die der Nachlass Schletzers zu einem unbekannten Zeitpunkt Eingang gefunden hat. Dieser Unterschied resultiert daraus, dass die zahlreichen mehrsprachigen Beilagen von fremder und eigener Hand, die Lubieniecki seinen Briefen an Schletzer beigegeben hat, in die Edition einbezogen worden sind. Aus diesen Beilagen lassen sich zusammen mit den erhaltenen, recht regelmäßig vorgenommenen Dorsualvermerken von Seiten des Adressaten Schletzer weitere Sendungen – teilweise auch ohne erhaltene Begleitschreiben oder nur mit flüchtigen, direkt in Freiflächen der Beilage notierten Grüßen – rekonstruieren. Die Antworten Schletzers auf Lubienieckis Schreiben sind offenbar nicht überliefert, ihre Existenz lässt sich nur aus den Erwähnungen in Lubienieckis Briefen erschließen.

Wann, wo und wie Lubieniecki und der gebürtige Mecklenburger Schletzer miteinander in Kontakt traten, ist unklar, ihr Kontakt hat auch wenig Behandlung in der Literatur gefunden. Als das erste hier dokumentierte Schreiben vom 21. März 1665 verschickt wurde, war der Briefwechsel zwischen Lubieniecki und Schletzer bereits in vollem Gange, wie ein Blick in den Text dieses Schreibens – eine Antwort auf einen vorhergegangen, nicht überlieferten Brief – zeigt. Zu diesem Zeitpunkt stand Schletzer bereits in schwedischen Diensten. Seine Karriere hatte Schletzer allerdings als Geheimer Rat und Kammersekretär in brandenburgischen Diensten begonnen, in die er 1644 getreten war. Im Namen des Kurfürsten Friedrich Wilhelm hatte er eine Reihe diplomatischer Missionen übernommen, war brandenburgischer Resident in England und Hamburg und außerordentlicher Gesandter in Dänemark gewesen. Der Wechsel des Dienstherrn im Jahre 1658 war offenbar nicht in gegenseitigem Einverständnis geschehen, sondern sollte Schletzer einen Prozess in Abwesenheit am Hof des Kurfürsten eintragen.

In den Briefen an Schletzer erscheint Lubieniecki vor allem in der Rolle des Nachrichtenagenten, als der er sich in seinem Hamburger Exil zu etablieren versuchte. Zusammen mit den Nachrichtenbeilagen, von denen hier die meisten, eindeutig zuzuordnenden Stücke präsentiert sind, bieten sie einen tiefen Einblick in das Alltagsgeschäft, die Probleme, mit denen ein frühneuzeitlicher Nachrichtenagent bei der Sammlung und Distribution seiner Informationen konfrontiert war und mit den Verfahren, die bei seiner Tätigkeit anwandte. Neben der Weiterleitung insbesondere von Nachrichten über die Konflikte zwischen den Niederlanden und England sowie zwischen den Niederlanden und dem Fürstbischof von Münster sind es vor allem Nachrichten aus dem östlichen Europa, die Lubieniecki übermittelt. Im Berichtszeitraum dominieren vor allem Meldungen über die militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem polnischen König und der Adelsopposition unter der Führerschaft des Fürsten Lubomirski, über die Bedrohungen an den östlichen Grenzen Polen-Litauens durch den Moskauer Staat, Kosaken und Tataren sowie über die Lage auf dem Balkan.

Nachrichtenwert besaßen aus Sicht Lubienieckis und seiner Zeitgenossen aber auch das Erscheinen der Kometen C 1664/W1 sowie C 1665/F1 und die durch sie ausgelösten Diskussionen. Und so finden sich in den Briefen Lubienieckis an Schletzer auch Aussagen zu astronomischen Themen. Vor allem aber spiegeln sich in den Schreiben an Schletzer auch erste allgemeine Überlegungen, Vorbereitungen und Arbeiten wider, die schließlich zur Herausgabe des Theatrum cometicum führen sollten.

Literatur (Auswahl)

Peter Bahl, Der Hof des Großen Kurfürsten. Studien zur höheren Amtsträgerschaft Brandenburg-Preußens, Köln 2001.

Ludwig Bittner, Lothar Groß, Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder seit dem Westfälischen Frieden (1648). I. Band (1648-1715), Oldenburg, Berlin 1936, Nachdruck: Schaan/Liechtenstein 1976.

Nilüfer Krüger, Supellex Epistolica Uffenbachii et Wolfiorum. Katalog der Uffenbach-Wolfschen Briefsammlung, Hamburg 1978.

Janusz Tazbir, Stando lubentius moriar. Biografia Stanisława Lubienieckiego, Warszawa 2003.