Das Partikularkorpus Lubieniecki – Sivers

Der Briefwechsel von Stanisław Lubieniecki mit dem Hamburger Heinrich Sivers (1626–1692) umfasst, soweit ihn das Theatrum cometicum dokumentiert, insgesamt 40 Briefe, von denen 22 Sivers, die restlichen 18 Lubieniecki zum Absender haben. Ausgetauscht wurden die Schreiben im Zeitraum zwischen dem 18. Dezember 1664 und dem 28. Februar 1667. Charakteristisch für die Korrespondenz ist, dass sie überwiegend aus kurzen Schreiben Lubienieckis und einem Antwortbrief von Sivers besteht, der vom selben Tage datiert. Lubieniecki machte Sivers zu seinem Berater in Sachen Astronomie, an den er sich wandte, um von ihm Beobachtungsdaten, aber auch Auskunft über verschiedene astronomische Sachverhalte zu erhalten. Anders als gegenüber Personen, die auf Grund eines hohen Amtes über Prestige verfügten oder dem adligen Lubieniecki als ebenbürtig galten, behandelte er Sivers, dessen Beflissenheit er nutzte und erwartete, mit einer gewissen, mit Freundlichkeit gepaarten Herablassung. Die Bezeichnung des nur wenig jüngeren Gelehrten als "iuvenis", die Lubieniecki diesem selbst gegenüber, aber auch in Korrespondenzen mit Dritten verwendete, bringt diese Haltung ebenso zum Ausdruck wie die Abwesenheit von Höflichkeitsformeln in den Briefen. Auf diese konnte freilich auch deswegen verzichtet werden, weil die Briefe einer Kommunikation zugehörten, die sich zum Teil in direkten Gesprächen vollzog. Bezugnahmen auf solche Konversation finden sich an einigen Stellen des Briefkorpus. Das Korpus gibt Aufschluss über verschiedene Interessensgebiete Lubienieckis auf dem Feld der Astronomie, da er bei Sivers direkt erfragen konnte, was er nicht wusste.

Auf mathematisch-astronomischem Gebiet konnte Sivers jedenfalls als versierter Ratgeber gelten; die Briefe im Theatrum cometicum zeigen den geschickten Beobachter, der die mathematischen Grundlagen des Faches sicher beherrschte und anschaulich darzulegen verstand. Bereits als Schüler am Hamburger Akademischen Gymnasium hatte er von seinen Lehrern, dem Universalgelehrten Joachim Jungius (1587–1657), der seit 1627 Rektor des Akademischen Gymnasiums war, sowie dem Astronomen Johann Adolf Tassius (1585–1654) eine solide Ausbildung auf dem Gebiet der mathematischen Wissenschaften erhalten. Nach dem Studium der Mathematik an der Universität Wittenberg u.a. bei Christoph Nothnagel (1607–1666), der die Professur für höhere Mathematik (d.h. Astronomie) innehatte, kehrte er nach Hamburg zurück. Während der Zeit des Briefwechsels mit Lubieniecki war er in der Bibliothek am "Hamburger Dom" am heutigen Speersort tätig. Erst 1675 wurde er zum Professor für Mathematik an das Akademische Gymnasium berufen – eine Position, die vor ihm Michael Kirsten (1620–1678) und Johannes Müller (1611–1671) bekleidet hatten. Mit beiden stand Lubieniecki in engem Kontakt; das Theatrum cometicum enthält einen Briefwechsel mit Müller, der wie Sivers aus der Schule von Jungius und Tassius stammte. Inhaltlich besteht zwischen den Briefwechseln mit Sivers und mit Müller deshalb eine gewisse Affinität.

Thematisch bestimmen den Briefwechsel Lubieniecki – Sivers natürlich die beiden 1664 und 1665 sichtbaren Kometen. Lubieniecki war an Beobachtungen zur Rekonstruktion ihrer Bahnen und an der Klärung der Frage interessiert, ob der Ende November 1664 sichtbar gewordene Komet identisch sei mit demjenigen, der seit dem letzten Drittel des Dezember beobachtet werden konnte – eine Frage, die in zahlreichen Partikularkorpora des Theatrum cometicum erörtert wird. Außerdem erkundigte sich Lubieniecki nach der Plausibilität von Gerüchten über neue Kometenerscheinungen, nach den Gründen für Abweichungen zwischen unterschiedlichen Beobachtungsreihen und nach möglichen Erklärungen für die Entstehung der Kometen und deren Bahnen. Schließlich spielte auch der veränderliche Stern im Cetus, die "Mira Ceti", in ihren Briefen eine Rolle, da Sivers diesen bereits viele Jahre früher unter Anleitung von Jungius beobachtet hatte. Das Partikularkorpus Lubieniecki – Sivers bietet auf Grund der Vielzahl der angeschnittenen Themen einen guten Einblick in zahlreiche Problemstellungen der Kometenastronomie in der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Literatur (Auswahl)

Friedrich Simon Archenhold, Ueber die Astronomie in Hamburg in den frühen Jahrhunderten, in: Das Weltall 1 (1900), S. 154–156.

Franklin Kopitzsch, Die Anfänge des Akademischen Gymnasiums in Hamburg, in: Dirk Brietzke, Franklin Kopitzsch, Rainer Nicolaysen (Hg.), Bildung und Wissenschaft in Hamburg 1613–1883, Berlin 2013, S. 15–30.

Karin Reich, Mathematikunterricht und Mathematiker am Akademischen Gymnasium und am Johanneum, in: Dirk Brietzke, Franklin Kopitzsch, Rainer Nicolaysen (Hg.), Bildung und Wissenschaft in Hamburg 1613–1883, Berlin 2013, S. 165–194.