Das Partikularkorpus Lubieniecki – Stegmann d. J.

Der Briefwechsel von Stanisław Lubieniecki mit Joachim Stegmann d. J. (1618–1678) umfasst, soweit ihn das Theatrum cometicum dokumentiert, lediglich sechs Briefe, von denen zwei Stegmann, die restlichen vier Lubieniecki zum Absender haben. Hinzu kommt eine Beobachtungsreihe des Kometen C/1664 W1 des Straßburger Gelehrten Johann Matthias Schneuber (1614–1665), die Lubieniecki von Stegmann erhalten hat. Ausgetauscht wurden die Schreiben im Zeitraum zwischen dem 24. Dezember 1664 und dem 20. September 1665; Stegmann, zum Verlassen der Residenzstadt Mannheim und der Pfalz genötigt, wanderte im Herbst 1665 nach Siebenbürgen aus. Ihre Fortsetzung findet die Korrespondenz im Briefwechsel Lubienieckis mit Andrzej Wiszowaty (1608–1678), der zur selben Zeit aus Mannheim nach Amsterdam emigrierte. Der Schriftwechsel mit Stegmann ist auf die Erörterung von Sachverhalten konzentriert, die unmittelbar mit der Erscheinung der beiden Kometen der Jahre 1664 und 1665 im Zusammenhang stehen.

Stegmann war wie Wiszowaty, der zuweilen als Mitleser der Briefe an Stegmann vorausgesetzt wird, Anhänger des Sozinianismus; Lubieniecki und Stegmann kannten einander aus der Zeit vor der Vertreibung aus Polen persönlich, wovon nicht zuletzt der freundschaftliche Ton der Briefe zeugt. Bevor Stegmann 1661 nach Mannheim kam, wo Kurfürst Karl Ludwig (1617–1680) Sozinianern zeitweilig Duldung gewährt hatte, war der in Klausenburg geborene Sohn des sozinianischen Theologen Joachim Stegmann d. Ä. (1595–1633) Prediger in Gemeinden Siebenbürgens und Polens gewesen. Stegmann und Lubieniecki gehörten zu den Unterzeichnern einer Instruktion vom 4. März 1657, in dem eine Gesandtschaft an den schwedischen König Karl X. Gustav (1622–1660) beauftragt wurde, das den Sozinianern zustehende Recht zur freien Religionsausübung geltend zu machen. Und beide hatten sich im August 1657 direkt an den schwedischen Hof gewandt, um beim König um Fürsprache beim polnischen König Johann II. Kasimir (1609–1672) zur Gewährung religiöser Freiheit nachzusuchen. Allerdings waren die Versuche, der Verfolgung in Polen zu entgehen, erfolglos geblieben. Der Austausch über die Kometen war jedenfalls ein Briefwechsel zwischen Exulanten, die unter widrigen Umständen zu wirken hatten.

Nachdem Lubieniecki Stegmann im Dezember 1665 über die Kometenerscheinung informiert und um dessen Meinung gebeten hatte, knüpfte Stegmann den Kontakt zu Johannes von Leuneschloss (1623–1675), einem Mathematiker an der Universität Heidelberg, der Anhänger des Cartesianismus war und mit dem Lubieniecki einen Briefwechsel über die Kometen begann. Das Partikularkorpus prägen nicht astronomische, sondern naturphilosophische und theologische Probleme, die anlässlich jener Himmelserscheinungen aufgeworfen wurden. Stegmann, der wie Lubieniecki eine gute humanistische Bildung erhalten hatte, war nicht allein Beobachter der spektakulären Phänomene, sondern nahm Meinungen und Deutungen, die über sie geäußert worden waren, zum Anlass, grundsätzliche Überlegungen über den hypothetischen Charakter wissenschaftlicher Theorien anzustellen und sie theologisch zu reflektieren. In dem ausführlichen Brief vom 1. Mai 1665, der inhaltlich den Schwerpunkt des Partikularkorpus bildet, legte Stegmann im Anschluss an skeptische Argumentationen die Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten natürlicher Erscheinungen dar, wobei er Zusammenhänge zwischen Kometenerscheinungen und irdischen Prozessen grundsätzlich in Frage stellte. Mit dieser Position, die wohl von Auffassungen Andreas Dudiths (1533–1589) und Marcello Squarcialupis (1538–1599) inspiriert war, ging Stegmann über Lubienieckis Deutung der Kometen als Zeichen noch hinaus. Stegmann stellte der Natur, die tendenziell kein Medium der Gotteserkenntnis mehr sein konnte, ein christliches Ethos gegenüber, das weder zu seiner Begründung, noch zu seiner Motivation der himmlischen Zeichen bedarf, sondern einzig auf dem Wortlaut der Bibel beruht.

Literatur (Auswahl)

Sascha Salatowsky, Die Philosophie der Sozinianer, Stuttgart-Bad Cannstatt 2015.

Janusz Tazbir, Die Sozinianer in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Paul Wrzecionko (Hg.), Reformation und Frühaufklärung in Polen. Studien über den Sozinanismus und seinen Einfluß auf das westeuropäische Denken im 17. Jahrhundert, Göttingen 1977, S. 9–77.

Paul Wrzecionko, Humanismus und Aufklärung im Denken der polnischen Brüder, in: Robert Stupperich (Hg.), Kirche im Osten. Studien zur osteuropäischen Kirchengeschichte und Kirchenkunde, Bd. 9, Göttingen 1966, S. 83–100.